Werden Sie Mäzen

Einführung

Ich habe das Gefühl, dass der Dämon noch da sein könnte. Oder dass er zumindest mein Bewusstsein trübt. Und deshalb war ich jetzt auch in Kamerun. Also eine erste Station auf der Suche nach dem geeigneten Ort für eine afrikanische Oper. Das Höchste der Kultur ist für Afrika noch lange nicht genug. Schon in Bayreuth fiel mir auf, dass die Oper, und gerade Bayreuth, unser gestörtes Verhältnis zur Erlösung, das offenbar immer einen gewissen Gruppenwahn auszulösen scheint, durch Diebstahl und Selbstaneignung vertuschen will. Wir sitzen im Rheingold, und eigentlich sitzen die Rheintöchter schon auf dem Trockenen. Auch die afrikanische Wunde will nicht heilen, aber zum Vorzeigen reicht es allemal: Armes Afrika, arme Sahelzone, arme schwarze Kinder, Aids, Hunger, Armut, Rassenhass usw… es hört gar nicht mehr auf. Und ich weiß noch genau, wie ich Wolfgang Wagner fast zum Herzinfarkt brachte, als er von mir in den Originalaufzeichnungen von Richard Wagner bewiesen bekam, dass Kundry einen fuß-knöchellangen Schlangenrock trug und keinen knielangen, was natürlich auf die europäische Schlange verwiesen hätte. Ich bat also meinen Bühnenbildner Thomas Goerge, nach einer Person zu suchen, die bereits im vorigen Jahrhundert nach Beweisen gesucht hatte, dass der Begriff der Oper, speziell der Bayreuther Budenzauber, geklaut war. Nach Bayreuth fuhr man nicht, um zu leben, sondern um zu sterben. Und deshalb konnte man sich auch in Afrika bedienen, obwohl man – wie mir mein letzter Besuch dort im Januar 2009 wieder bewiesen hat – gerade dort auf das eigene Ende gestoßen wird und daraus neue Kraft für viel energiereichere Dinge schöpft, als wäre man in Deutschland geblieben. Und genau da möchte ich dieses Projekt, das vielleicht auch einem Fitzcarraldo ähnelt, ansiedeln. Keine unmögliche Idee, die nur um des marktwirtschaftlichen Profites willen entstehen soll, sondern die Idee, Afrika offiziell zu beklauen und dazu den eigenen Körper als Informationsträger, als fotografische Platte mitzunehmen und einzusetzen. Also kein goethereisender Kunstschnösel, der den Afros mal zeigt, was deutsche Kultur so alles kann, sondern ein blasses europäisches Blatt, das sich zur weiteren Belichtung nach Afrika begibt. Nicht 1 oder 2 Wochen, nicht 3 oder 4, 5 oder 6 , sondern bis zu 10 Wochen. Das ist noch immer zu wenig, aber immerhin mehr, als sich einzubilden, man hätte nach 2 Wochen Afrika oder Südamerika bereits genug erlebt, um Deutschland auf seine Missstände hinzuweisen, die Zeitungen vollzuquatschen und so zu tun, als hätte da irgendjemand etwas von gehabt.

In meinem Projekt geht es nicht um das eigene „Ich bin toll“-Gefühl, sondern um den Moment des Infekts. Der Moment, an dem ich einen Ort aufsuche, der erstmal nichts mit Berlin, Halle, Oberhausen oder Frankfurt oder so zu tun hat. Und genau dort soll das Projekt immer wieder skizze_christoph_text11präsentiert werden. Bilder, Filme, Aufführungen der Teilnehmer, die auch im Internet über ihre Erlebnisse berichten. Also alle Möglichkeiten, inklusive der TV-Ausstrahlung, sollen verwendet werden, um diese Idee der handgreiflichen Begegnung darzustellen.

Ein Festspielhaus aus landestypischen Teilen errichtet. Vielleicht zu klein, zu sehr von der Regenzeit bedroht, aber gerade in seinem Bild als Zeichen für diese Idee auch bei uns wiederaufgebaut, wie Reste einer Ausgrabung, wie die bemalte Zeit eines verwitterten Einbaums. Die verwitterte Oper, der Nachhall des Infekts, der Betrachter, der sich selber erst mal kennen lernen musste, jeder unterrichtet jeden. Und dann gibt es da noch eine Probebühne, eine kleine Pension, wo man wohnen kann, ein Hausmeisterehepaar, eine kleine Krankenstation und eine Küche mit einem Koch und seiner Mannschaft, die dafür sorgen, dass man nicht hungern muss.

Und genau da fängt auch die Oper an. Bevor die singenden Mägen alles übertönen, will ich diese Idee benutzen, um die normalerweise sozialen Meisterleistungen auf das Niveau des Normalen zu bringen. Wer Hunger hat, spielt falsch, aber auch das wäre in meinen Augen kein Versäumnis. Trotzdem sollen die, die dort mit ihrem Theater runterfahren, um das „Käthchen“ zu üben oder auch die Sänger, die Schulabschlüssler, die ein Stipendium bekommen, um 2 Monate dort leben zu können und vor allem auch erstmal dort hinzukommen, erstmal versorgt sein, und auch die vielen Lehrer, die es z.B. in Burkina Faso oder auch in Kamerun, Tansania oder Mocambique gibt. Menschen mit wundervollen Stimmen, mit wunderbarer Kunst. Kunst, die wir hier dringend benötigen. Das soll demnächst nicht alles ausschauen wie in 90 % aller Opern in Deutschland oder überhaupt in Europa oder Amerika. Grauenhafte singende Betonklötze, damit die Musikgesellschaft bei der Aufnahme nicht meckert. In Wirklichkeit ist das der Untergang. Keine Bereicherung mehr, sondern Betoniererei. Und deshalb bitte ich sie für dieses sicher noch sehr abstrus klingende Projekt.

Ich habe es mir vor meiner Krankheit gewünscht. Und bis jetzt hat es mir auch die Kraft gegeben. Selbst als ich in Kamerun zusammengebrochen bin, war klar, dass ich dieses Projekt machen werde.
Seitdem trainiere ich mehr. Ich will, dass wir uns gegenseitig befruchten.
Ich möchte, dass wir unseren Hochmut ablegen.

Christoph Schlingensief, 25. Januar 2009