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Der Afrikanische Blick (1)

Donnerstag, 24. Juni 2010 um 0:53 Uhr

FĂŒr Kulturzeit begleitet der junge Journalist Lionel Some Schlingensiefs Produktion VIA INTOLLERANZA II. Erster Teil aus der Reihe “Der Afrikanische Blick” (Beitrag aus 3Sat Kulturzeit vom 11.5.2010)

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Der Regissuer Christoph Schlingensief hat im Rahmen seines Operndorf-Projekts in Burkina Faso eine Gruppe junger KĂŒnstler gecastet, mit denen er das StĂŒck “Via Intolleranza II” in BrĂŒssel, Hamburg und MĂŒnchen auf die BĂŒhne bringen will. Die KĂŒnstler reisen gemeinsam nach Deutschland, leben und arbeiten hier fĂŒr die Dauer der Produktion zusammen. FĂŒr Kulturzeit begleitet der junge Journalist Lionel Some die Truppe.

In Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, befindet sich die Tanzschule von IrĂšne Tassembedo. 150 KĂŒnstler sind zum Casting fĂŒr Christoph Schlingensiefs Theaterproduktion “Via Intolleranza II” gekommen. Nur acht von ihnen werden ausgewĂ€hlt. Die Premiere findet schon in wenigen Wochen in BrĂŒssel statt. Jeder hier will ein Ticket nach Europa.

Die SĂ€ngerin Kandy Guira hat es geschafft. “Ich war zufĂ€llig im französischen Kulturzentrum und ein KĂŒnstler dort wollte zum Casting”, sagt sie. “Er sagte zu mir: ‘Komm doch auch mit.’” Kandy tritt regelmĂ€ĂŸig in einer bekannten Bar auf, singt fĂŒr Einheimische und fĂŒr die die wenigen Touristen in Ouagadougou. Auch der Forscher und Musiker Jean Marie Gomzoubou Boncoungou, dessen KĂŒnstlername Chercheur ist, darf mit nach Europa. “Durch das Engagement mit Schlingensief werde ich viel Geld verdienen”, sagt er. “So werde ich hier ein besseres Leben fĂŒhren können. Wenn ich aus Deutschland zurĂŒck komme, werde ich auch mehr respektiert werden. Der Vertrag ist ein GlĂŒcksfall fĂŒr mich. Ich hatte bisher noch nie so viel Geld.”

Issouf Kienou hat keine Geldsorgen. Der SĂ€nger kann von seinen Gagen gut leben. “Mich interessiert an diesem Projekt nicht das Geld”, sagt er. “FĂŒr mich zĂ€hlt der kulturelle Austausch, die kĂŒnstlerische Erfahrung, die ich mit diesen deutschen Weißen sammeln werde.” Mit nur einem Auftritt verdient er in seiner Heimat zwei Millionen CFA Franc, das sind umgerechnet 3000 Euro. Davon können die meisten KĂŒnstler hier nur trĂ€umen.

Viel Talent, wenig BĂŒhnenerfahrung

Der TĂ€nzer Ahmed ist 27 Jahre alt. In Europa hĂ€tte er womöglich beruflich bessere Chancen. Aber er lebt in Burkina Faso, seine Familie und Freunde sind ihm wichtiger. “Ich habe zeitgenössischen Tanz in Montpellier studiert”, so Ahmed. “Dadurch habe ich viel Selbstbewusstsein gewonnen. Die anderen Bewerber haben mir keine Angst gemacht. Im Gegenteil: Sie sind wie eine Droge fĂŒr mich, haben mich angetrieben, mich selbst zu verwirklichen.” Der Komiker Amado Komi ist zwei Jahre Ă€lter, aber lange nicht so selbstbewusst wie Ahmed. Er hat zwar viel Talent, aber kaum BĂŒhnenerfahrung. “Als ich ankam, dachte ich, das ist nicht mein Ding”, sagt Amado. “Ich fĂŒhlte mich fehl am Platz und sehr klein. Ich dachte mir nur: Zieh’ das Casting jetzt durch und dann gehe wieder.” Eine FehleinschĂ€tzung, denn auch der kleinwĂŒchsige Amado ist mit von der Partie.

Einige Tage vor dem Abflug nach Deutschland bekommen die acht Gewinner des Castings ihr Flugticket und ihr Visum. Es ist nicht leicht fĂŒr Burkiner, eine Einreisegenehmigung nach Europa zu bekommen. FĂŒr die meisten ist es unmöglich. “Alle, die hier mitmachen, sind große KĂŒnstler”, sagt der TĂ€nzer Ahmed Soura. “Ich habe nur eine vage Vorstellung von dem, was uns erwartet. Aber es ist eine großartige Truppe fĂŒr die Produktion.” Zwei Tage spĂ€ter soll es dann endlich losgehent. Alle sind gekommen, doch am Flughafen in Ouagadougou darf kein Flugzeug starten. In Europa sind alle FlughĂ€fen gesperrt – wegen des Vulkanausbruchs auf Island. Warten ist angesagt. Noch weiß niemand, wann das Abenteuer Europa endlich losgeht.

Quelle: Lionel Some fĂŒr Kulturzeit, 3sat Kulturzeit vom 11.5.2010